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Algorithmen liefern keinen Journalismus

Die OSZE warf auf der 19. Mittelasiatischen Medienkonferenz Fragen zur Zukunft der Internetkommunikation auf. C3 half ein wenig bei den Antworten.

Ein Konferenzbericht von Blundstone Osterberger, C3 Chief Digital Officer

Blundstone Osterberger, C3 CDO, war Panelist auf der OSZE Konferenz

Die Länder Zentralasiens erleben derzeit einen schwierigen Aufbruch in das neue Medienzeitalter. Im Vergleich zu Europa hinkt die Entwicklung im Internet, sowohl was die Marktentwicklung als auch was die gesetzlichen Rahmenbedingungen betrifft, noch zehn Jahre hinterher. Die Freiheit der Medien ist in den teils repressiv organisierten Staaten wie Turkmenistan, Kirgistan oder Kasachstan ebenfalls mehr Wunschtraum als Realität.

So jedenfalls lautet ein Fazit der inzwischen 19. Medienkonferenz Zentralasien, die in der vergangenen Woche in Taschkent stattgefunden hat. Versammelt hatten sich — auf Einladung des OSZE-Beauftragten für die Freiheit der Medien — mehr als 100 Regierungsvertreter aus Usbekistan, Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan, Turkmenistan und der Mongolei, Vertreter der dortigen Zivilgesellschaften sowie Journalisten und internationale Medienexperten.

Die Bandbreite der Themen reichte von aktuellen Trends in der digitalen Verbreitung von Medieninhalten über die Herausforderungen der mobilen Kommunikation bis hin zu Fragen der Meinungsfreiheit und des Umgangs mit extremistischen Inhalten im Internet. Als Vertreter von C3 durfte ich als Gast in Usbekistan an einer Paneldiskussion teilnehmen, in der es um die Algorithmisierung von Nachrichten ging — genauer gesagt um die Fragen, welche Folgen eine komplette Algorithmisierung der News-Verbreitung hat und mit welchen Mitteln sie womöglich eingeschränkt werden kann. Aber dazu später mehr.

Mir hat die Konferenz ebenso wichtige wie spannende Einblicke in den mittelasiatischen Medienmarkt gegeben. Vorausgeschickt werden muss, dass vor allem der Werbemarkt in Zentralasien noch eine überschaubare Größe aufweist. So beträgt etwa in Kasachstan die Summe aller in Werbung investierten Gelder gerade einmal 100 Millionen Euro, davon entfallen knapp zehn Prozent auf das Internet. Fakt ist auch, dass es für alles, was im Internet passiert, einen extrem starken politischen Kontext gibt. Die andere Seite ist, dass sich die mobile Nutzung von Internetinhalten stark ausbreitet und inzwischen der dominante Access Point unter den Usern ist. Mobile Advertising ist dementsprechend die dominante Werbeform, bietet aber noch ein erhebliches Qualitätspotenzial.

Die Tatsache, dass die Onlinegiganten Facebook und Google den Onlinemarkt in Zentralasien dominieren, schlägt eine Brücke zu dem Thema, das ich auf der Konferenz mit Betreibern von Newsseiten, Journalisten und einem Blogger diskutieren konnte. Es ging, wie oben schon angerissen, um die Frage, wie sich die Algorithmisierung der Newsverbreitung auf unsere gesamte Informationsarchitektur auswirkt.

Einig war sich die Runde darin, dass wir gerade einen radikalen Wandel des „Open Internet“ hin zu „Walled Gardens“, also eingezäunten Gärten wie Facebook erleben — getrieben von steigender mobiler Nutzung. Als Nutzer hangeln wir uns von Filter-Bubble zu Filter-Bubble. Für die sozialen Plattformen bilden wir die Ware, die von den Plattform-Ownern an die höchstbietenden Interessenten versteigert wird. Das Fehlen — oder kann man schon sagen das Unterdrücken — organischer Reichweiten der Onlineangebote und Bezahlangebote à la „Pay to play“ haben eine Hülle um uns User geschaffen, die es immer schwieriger macht, mit journalistischen, wertvollen, bildenden und agendafreien Inhalten und Informationen durchzudringen.

Wie wichtig und kraftvoll ein offenes Internet und wirklich offene soziale Netzwerke sind, hat der Arabische Frühling vor sieben Jahren gezeigt. Seitdem versuchen weltweit staatliche Institutionen und Unternehmen, diese Kraft und dieses Potenzial zu nutzen. Facebook hat mit der Abschaffung von „Organic Reach“ genau diesen Mächtigen in die Hände gespielt.

Deshalb muss dieser Quasi-Monopolstellung entgegengetreten werden: Onlineplattformen müssen anerkennen, dass sie als Gatekeeper und Distributor von Inhalten eine ethische Verantwortung haben. Im Grunde sind sie nichts anderes als Medienunternehmen — und müssten demnach auch so handeln: nämlich innerhalb ethischer und gesetzlicher Rahmenbedingungen. Erste Gehversuche dazu in Deutschland gibt es bereits, etwa um Hate Speech und Fake News im Internet einzudämmen.

Wie man als Netzwerk und Onlineunternehmen verantwortungsvoll agiert, zeigt das Beispiel MSN, das zusammen mit C3 in Berlin einen europaweiten Newsroom betreibt. MSN kombiniert in dem Newsangebot eine balancierte editoriale Agenda mit einer höheren Aufgabe. Statt algorithmisierte News und Filter-Bubbles anzubieten, erfüllt MSN tatsächlich eine journalistische Aufgabe. Algorithmen können so etwas nicht leisten.

Über die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa:

https://medium.com/media/55eebd79de6bb24810c6fe5dd654e18d/href

The Representative on Freedom of the Media is an OSCE Institution based in Vienna, Austria. The Representative observes media developments in all 57 OSCE participating States to provide early warnings on violations of freedom of expression and media freedom and promotes full compliance with OSCE media freedom commitments. Learn more at www.osce.org/fo




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